Erinnern und Gedenken Steinheim

Steinheimer Vorstadt 22

Zuletzt geändert am 21.03.2016.

NATHAN SELIG
Jg. 1887
Flucht 1941 USA
überlebt
RUTH AUFSEESER
geb. Selig
Jg. 1922
Flucht 1938 USA
überlebt
MANFRED SELIG
Jg. 1924
Flucht 1941
USA
überlebt
FRITZ SELIG
Jg. 1924
Flucht 1941 USA
überlebt
MELITTA SELIG
Jg. 1929
deportiert 1942
nach Auschwitz
ermordet am 19.10.1944

Nathan Selig (geb. 1887 in Großsteinheim, gest. 1969 in USA) bewohnte mit seiner Frau Klara Küster, geborene Künstler, die schon 1937 verstarb, und seinen vier Kindern Ruth, Manfred, Fritz und Melitta die Häuser 20-22 in der Steinheimer Vorstadt.

Nathan Selig war ein wohlhabender Jude. Er betrieb eine Metzgerei und einen Viehhandel in Frankfurt, musste seine Geschäfte auf Druck der Nazis jedoch schon Mitte der 30er Jahre schließen. Fortan war er gezwungen, als Straßenkehrer zu arbeiten.

1938 wurde er mit anderen Steinheimer Juden nach der Reichspogromnacht am 10. November nach Buchenwald verschleppt, kam als verdienter Frontkämpfer des 1. Weltkrieges aber wieder frei. Während seiner Haft sorgte die hochbetagte Großmutter, die bis zu ihrem Tod 1939 bei der Familie Selig lebte, alleine für die vier Kinder.

1939 wurden Nathan Seligs Häuser in der Steinheimer Vorstadt enteignet und an Privatleute verkauft. Er selbst war dabei großem psychischem und physischem Druck ausgesetzt.

Nach dem Verkauf wurde den Seligs sofort gekündigt. Die Steinheimer Gemeindeverwaltung schob ihn und drei seiner Kinder umgehend nach Frankfurt ab, wo sie unter schwierigsten finanziellen und räumlichen Bedingungen leben mussten.

Nathan Selig bewohnte ein kleines Zimmer, sein Sohn Manfred kam in einer jüdischen Schule unter, die beiden Jüngsten, Fritz und Melitta, lebten in einem jüdischen Waisenhaus.

Die älteste Tochter Ruth musste schon 1935 die katholische Mädchenrealschule St. Josef in Großauheim verlassen und, wie ihre anderen Geschwister auch, auf eine jüdische Schule wechseln. Sie erhielt schon 1938 die begehrte Bürgschaft für ein Ausreisevisum und emigrierte mit 16 Jahren ganz alleine in die USA, wo eine Tante lebte. Für die gesamte Familie wäre eine sofortige Ausreise zu teuer geworden.

Den übrigen Seligs gelang erst 1941, im buchstäblich letzten Moment, die Flucht über Lissabon in die USA, wo sie praktisch mittellos ankamen. Wie Tochter Ruth in einem Brief berichtet, konnte Nathan Selig die zur Ausreise nötigen Visa erst im zweiten Anlauf bekommen. Viel hing in diesem Zusammenhang von der „ Stimmung“ der Konsulatsbeamten ab.

Seine jüngste Tochter Melitta konnte Nathan nicht mitnehmen, da ihr ein Arzt trotz anders lautender Röntgenbefunde Tuberkulose attestierte. Dies bedeutete für sie das Todesurteil. Sie verblieb zunächst im Waisenhaus und wurde von dort mit allen anderen Kindern ins Konzentrationslager Theresienstadt verschickt. Mit dem Transport „Es“ deportierte man sie 1944 nach Auschwitz, wo sie fünfzehnjährig ermordet wurde. Auch ihre beiden Tanten Johanna Meyer und Frieda Selig wurden 1944 in Theresienstadt umgebracht.

Zahlreiche Briefe und Postkarten an ihre Familie sind von Melitta erhalten, so eine Postkarte aus Theresienstadt vom 26.6.1943: “Meine Lieben! Mir geht es gut, hoffe euch auch. Zu Tante Hanna komme ich oft. Post aller Art kommen hier gut an. Ich bin im Heim, mir gefällt es gut. Grüße Michel. Herzliche Grüße und Küsse Melitta.“

Familie

Familie Selig – undatierte Aufnahme

Familie Selig fasste langsam in USA Fuß. Nathan Selig arbeitete als Tellerwäscher, Tochter Ruth erlernte mit Hilfe ihrer amerikanischen Arbeitgeber, wo sie zunächst als Haushaltshilfe tätig war, den Beruf der Physiotherapeutin. Sie heiratet 1946 den aus Franken stammenden jüdischen Emigranten Justin Aufseeser. Sie haben drei Kinder und mehrere Enkel. Auch Bruder Fritz heiratete in den USA und bekam Zwillinge. Ruth Aufseeser, geb. Selig ist Ehrenmitglied im Steinheimer Geschichtsverein und besuchte nach anfänglichem Zögern mehrmals ihre Heimatstadt. Sie formulierte ihr Verhältnis zu Steinheim einmal so:

„Steinheim ist meine Heimat geblieben, mein Zuhause aber ist die USA.“

Tragisch ist das Schicksal ihres jüngeren Bruders Manfred. Dieser trat freiwillig in die amerikanische Armee ein, um die Verbrechen der Nazis zu rächen. Er wurde von einem amerikanischen Soldaten erschossen, als er ein deutsches Mädchen vor der Vergewaltigung durch die Amerikaner schützen wollte.

IMG_1913

Nathan, Manfred und Melitta und Fritz Selig Ruth Aufseeser

Erstellt am 08.11.2015