Erinnern und Gedenken Steinheim

Ingelheimerstraße 12, Neue Synagoge

Zuletzt geändert am 21.03.2016.

MATHILDE
OPPENHEIMER
geb. Oberdörfer
Jg. 1879
Flucht 1939
Argentinien
überlebt
LEOPOLD
OPPENHEIMER
Jg. 1873
Flucht 1939
Argentinien
überlebt

Der Lehrer Leopold Oppenheimer, in Steinheim allgemein „Rabbi“ genannt, kam 1897 nach Groß-Steinheim. Er stammte aus Schmalnau bei Fulda, wo er am 28. Februar 1873 geboren wurde.
In seine Wirkungszeit in Groß-Steinheim fielen 1900 der Bau und die glanzvolle Einweihung der neuen Synagoge in der heutigen Ingelheim Straße.
Leopold Oppenheimer galt als vielseitiger und geachteter Mann, der neben seinem Amt als Volksschullehrer auch Vorsänger und israelischer Religionslehrer für die Gemeinden Steinheim, Dietesheim, Mühlheim und Klein-Auheim war. Ebenso war er Schächter im ehemaligen Steinheimer Schlachthof in der Albrecht-Dürer-Straße.
In Mühlheim leitete er einen jüdischen Gesangsverein und in Steinheim den jüdischen Synagogenchor.
Er hatte ein gutes Verhältnis zu den katholischen und evangelischen Religionslehrern. Viele ehemalige Steinheimer Schüler erinnern sich noch gerne an seinen Vertretungsunterricht, wenn die katholischen oder evangelischen Religionslehrer fehlten.
Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er aus Steinheim vertrieben werden sollte. Obwohl seit 1933 Willkürakte an der Tagesordnung waren, wollte er nichts von Auswanderung wissen. Er blieb bis zuletzt als Hirte bei seiner Gemeinde.
Verheiratet war er mit Mathilde Oppenheimer, die am 21. April 1897 in Nördlingen geboren wurde. Zusammen hatten sie drei Kinder: Frieda (1905), Irene (1907) und Heinrich (1916). Sie wohnten im 1. Stock der Synagoge, dem heutigen Haus Margarethe, unter einem Dach mit dem katholischen Hausmeisterehepaar Korinth.
Aus Briefen ihres Sohnes Heinrich (später Enrique) wissen wir, dass sich das harmonische Leben von Nichtjuden und Juden in Steinheim ab 1933 schlagartig änderte. Nach den Jahren in der Steinheimer Volksschule machte Heinrich in Hanau das Abitur, durfte aber bereits nicht mehr studieren und ging nach Offenbach in eine kaufmännische Lehre. Diese beendete er nicht mehr, da er ahnte, was auf ihn zukommen würde und emigrierte 1936 nach Argentinien, wo er seinen Namen in Enrique änderte. Mit der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 endete das jüdische Leben in Steinheim.
Auf Veranlassung der SA-Standarte Offenbach wurde um die Mittagszeit die Tür des Betsaals der Synagoge aufgebrochen. Die farbigen Fenster wurden zerstört, die Bänke kurz und klein geschlagen. Auf der Straße wurde ein Feuer angesteckt und in diesem wurden jüdische Kultgegenstände, liturgische Gewänder und die Thorarollen verbrannt. Gleichzeitig wurde der Schulsaal der Synagoge und das Klavier zerstört.
Eine große Menschenmenge unter anderem die Schulkinder, die extra frei bekommen hatten, sahen zum Teil verschämt dem unwürdigen Treiben zu.
Zerstörtes Mobiliar wurde auf den jüdischen Leichenwagen geladen, dieser wurde angesteckt und in Richtung der heutigen Eppsteinstraße gefahren. Auch die Wohnung des Lehrerehepaares Oppenheimer wurde demoliert. Schränke und Tische wurden zerstört und Gläser mit Eingemachten auf die Straße geworfen.
Maria Braun berichtete, dass Mathilde Oppenheimer mit schiefer Perücke, in der Hand ihren Einkaufsbeutel mit ein paar Habseligkeiten, weinend auf der Straße stand. Sie wurde von SA-Leuten ins Gesicht geschlagen. Die SA-Leute schrien und stießen das alte Ehepaar herum.
Das Paar musste Steinheim Hals über Kopfe verlassen. Sie lebten bis 1939 in Frankfurt in der Herderstraße in einem Zimmer. Von dort ließ sie ihr Sohn Heinrich, der bereits 1936 ausgewandert war, nach Argentinien nachkommen, wo sie noch einige friedliche Jahre verbrachten.
Die Vorstandsmitglieder der jüdischen Gemeinde Heinrich Herz, Julius Löb und Nathan Selig mussten einem Zwangsverkauf der Synagoge für 8.000 Mark zustimmen – das Geld hat die jüdische Gemeinde nie erhalten!
Die 1906 in Steinheim geborene Tochter Frieda verließ bereits 1933 mit ihrem Mann Steinheim und emigrierte nach Holland. Während der deutschen Besatzung wurden beide nach Auschwitz verschleppt. Ihr erster Mann ist dort umgekommen, während Frieda in einem Experimentierblock jahrelang zu leiden hatte, bis sie ausgezehrt und mit erfrorenen Gliedern vom Roten Kreuz nach Schweden gebracht wurde. Später brachte ihr Bruder Heinrich (Enrique) sie nach Buenos Aires.
Sie wollte Zeit ihres Lebens nichts mehr von Deutschland wissen.
Von der 1907 geborenen Tochter Irene wissen wir von Steinheimer Mitbürgern, dass sie in einer Schwesternschule jungen Mädchen Strickunterricht gab. Als sie Steinheim verlassen musste, bat sie Frau Rödinger, sich um ihre Eltern zu kümmern. Sie war in Fulda verheiratet und wanderte mit ihrem Mann nach Jerusalem aus, wo sie bis ins hohe Alter lebte.
In den 1990er Jahren besuchte Enrique Oppenheimer einige Male Steinheim und hatte auch mit ehemaligen Steinheimer Schulkameraden guten Kontakt.
Er kümmerte sich um die nach Argentinien ausgewanderten Überlebenden des Holocaust. Dafür wurde ihm am 7. November 1991 in der deutschen Botschaft in Buenos Aires das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse überreicht.

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Mathilde und Leopold Oppenheimer

Erstellt am 08.11.2015