Erinnern und Gedenken Steinheim

Harmoniestraße 12

Zuletzt geändert am 16.11.2015.

ARTHUR MAYER
Jg. 1895
deportiert 1943
nach Auschwitz
ermordet am
6.3.1944

Arthur Mayer wurde am 19 März 1895 in Groß-Steinheim als Sohn des Metzgers, Viehhändlers und Landwirts Louis Isaak Mayer in der Harmoniestraße 12 geboren.
Zwei seiner Brüder, Ernst und Leo, fielen im Ersten Weltkrieg an der russischen Front in Ostpreußen bzw. in Nordfrankreich. Seine einzige Schwester starb kurz nach der Geburt.
Sein jüngste Bruder Albert, der den Beruf des Vaters erlernte, verließ Steinheim. Zuerst eröffnete er eine Metzgerei in Großauheim, 1932 emigrierte er heimlich mit seiner Frau Lina, geb. Weißmann und Sohn Ernst nach Frankreich, – wohl die Entwicklung in Deutschland vorausahnend. In Deutschland wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. In Paris gründete Albert einen Betrieb zur Herstellung von Taschenbügeln in dem auch sein Sohn beschäftigt war. Nach Einmarsch der Deutschen in Frankreich ging Albert mit der Familie in den Untergrund und konnte bis dank Freunde zum Kriegsende überleben, die ihn und die Familie außerhalb von Paris, auf dem Lande in einem Bauernhof versteckt hatten.
Arthur Mayer erlernte bei der Firma Kahn in Offenbach den Beruf des Kaufmanns und arbeitete sich dort bis zum Prokuristen hoch. Wie seine Brüder Ernst, musste auch Arthur in den Krieg ziehen. Ende 1916 wurde er zur Infanterie eingezogen und an die Front in Frankreich geschickt. Arthur Mayer überstand die Kämpfe, geriet aber 1918 in die französische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1919 wieder entlassen wurde.
Nach dem Krieg nahm er seine Tätigkeit bei der Firma Kahn in der gleichen Position wieder auf.
Seit seiner frühsten Jugend begeisterte sich Arthur Mayer für den Fußball. Er begann seine Fußballerlaufbahn bei der Germania Steinheim, wechselte aber bald zu der Klein Steinheimer Konkurrenz, dem Sportverein 1910. Dort beim SV 1910 galt er als schneller Linksaußen und wurde als fairer Sportler geachtet.
Das Jahr 1926 war für Arthur Mayer ein besonderes und ein einschneidendes Jahr in seinem Leben. Er heiratete die aus Klein-Steinheim stammende Katholikin Katharina Bohländer. Die Eheleute, beide in ihren Glaubenstraditionen fest verhaftet, lebten in glücklicher Eintracht, immer den Glauben des Anderen achtend. Anders empfanden diese „Mischehe“ jedoch die Eltern von Arthur und Katharina, tolerierten jedoch stets die Entscheidung der Kinder. Ebenfalls 1926 wurde der Sohn Leo geboren. Diese Ereignisse verbanden Arthur Mayer immer stärker mit Steinheim. Während sein Bruder Albert sich beruflich zuerst über den Main nach Großauheim und später über die Landesgrenze nach Frankreich orientiert hatte, engagierte sich Arthur Mayer sehr stark im gesellschaftlichen Leben in Steinheim.
Nach der Beendigung seiner aktiven Sportlerlaufbahn, ab 1926, widmete er viel Zeit der Arbeit im Vorstand des SV und war unter anderem im Spielausschuss tätig. Durch seine Sportlerkarriere und seine langjährige Vereinsarbeit gewann Arthur Mayer einen sehr großen Freundeskreis. Die Familie wohnte mittlerweile in der Feldstraße 11(heutige Brandenburgstraße 6), von wo aus beide Eheleute einen regen Anteil an dem gesellschaftlichen Leben in Steinheim nahmen.
Als 1930 die nationalsozialistische Welle auch Steinheim erreichte und bevor den Juden die Tätigkeit in den Sportvereinen verboten wurde, legte Arthur Mayer, – vielleicht die zukünftige Entwicklung schon vorausahnend – , alle Ämter beim SV nieder, um seinen Freundeskreis nicht zu belasten.
Im Jahre 1933 verlor Arthur Mayer seine Arbeit, da die Gebrüder Kahn ihre Firma verkauft und nach Amerika auswanderten. Bei der Firma „Gummi Peter“, wo er danach wieder eine Einstellung als Lohnbuchhalter fand, wurde er 1936 wegen seines jüdischen Glaubens wieder entlassen.
Um seine Familie zu ernähren, nahm er eine für ihn ungewohnte schwere körperliche Arbeit als Straßenbauarbeiter an einer Teermaschine an und holte sich dort bei einem Unfall schwere Verbrennungen mit flüssigem Teer.
Danach beschloss er auszuwandern und besuchte deshalb 1937 seinen Bruder Albert in Paris. Nachdem 1938 alle Formalitäten für die Ausreise nach Frankreich erledigt worden waren, sollte die Familie 1939 auswandern. Dazu kam es aber nicht.
Dazu sollte es aber nicht mehr kommen. Nach der Reichspogromnacht wurde Arthur Meyer am 13. November 1938 von seiner Arbeitsstelle weg verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.
Hier rettete ihn noch sein Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg.
In einem Schreiben der Gestapo Kassel wurde dem Bürgermeister von Groß-Steinheim mitgeteilt, dass Arthur Mayer „wegen nachgewiesener Frontkämpfereigenschaft“ aus dem KZ Buchenwald entlassen sei. Seine Frau Katharina wurde wiederum vom Bürgermeister aufgefordert, das Fahrgeld für die Rückreise von Arthur aus Buchenwald nach Steinheim zu entrichten.
Die Verpflichtung zur Verschwiegenheit über das Geschehen im KZ brach Arthur Mayer nur einmal, als er berichtete, dass er mit ansehen musste, wie während eines Appells Jakob Oppenheim aus Groß-Steinheim gehängt wurde.
Trotz der für ihn noch bestehenden Möglichkeit Deutschland zu verlassen, entschied sich Arthur Mayer, in Steinheim zu bleiben. Seine Frau Katharina durfte mittlerweile Deutschland nicht mehr verlassen und da er seine Familie nicht alleine lassen wollte, blieb er. Er war noch im guten Glauben, es werde ihm nichts passieren, da er ja in Steinheim niemandem etwas angetan hatte.
Er fand sogar wieder eine Arbeitsstelle als Packer in dem Etuigeschäft seines Schwagers in Frankfurt. In Steinheim traf er sich regelmäßig in einem kleinen Freundeskreis bei Dunkelheit, geheim beim Karl Eckrich oder seinem Schwager Adam, darunter alte Sozialdemokraten und Kommunisten. Man sprach über Politik und hörte sogar nachts „feindliche Radiosender“.
Arthur Mayer war inzwischen die Staatsbürgerschaft aberkannt worden und er musste den Judenstern tragen. Um sich die Haare schneiden zu lassen, ließ er den Friseur Hans Roth abends zu sich nach Hause kommen, weil ihm als Juden der Besuch von Geschäften verboten war und er Hans Roth auch nicht in Schwierigkeiten bringen wollte
Dann jedoch, Ende März 1943, bekam er die Aufforderung, sich im Hauptbahnhof in Offenbach zu einem Sammeltransport zu melden.
„Mit nur einem Koffer in der Hand“, so berichtet sein Sohn Leo Mayer später, „verabschiedete sich der Vater von seiner Familie. Die Mutter war in Tränen aufgelöst. Der Vater beruhigte sie; er war sehr gefasst und zuversichtlich, er würde bald wieder kommen. Bestimmt wollte er sie beide nur beruhigen, indem er ruhig und gefasst von der Feldstraße zum Steinheimer Bahnhof ging. Er wollte alleine gehen. Mit Tränen in den Augen sahen wir hinter ihm her.“
Am 5. April 1943 kam die erste Postkarte von Arthur Mayer an seine Familie. Er war mittlerweile bei der Gestapo in Frankfurt.
Die nächste zensierte Nachricht folgte am 7. April aus dem Staatspolizeigefängnis Darmstadt. Erst mehrere Monate später, im Januar 1944, gab es ein weiteres Lebenszeichen, diesmal aber aus dem Konzentrationslager Auschwitz.
Sicherlich ahnte die Familie nicht, welches Schicksal Arthur Mayer drohte, denn es folgten weitere Briefe. In den Briefen beschwor Arthur Mayer die Familie, ihm Lebensmittel zu schicken, falls für die Familie entbehrlich. Er berichtete von seinem Hunger, fragte nach Freunden und Bekannten und ließ viele seiner Steinheimer grüßen.
Der letzte Brief war datiert auf den 7. Februar 1944 und war nicht zensiert. Eine im Konzentrationslager Auschwitz bestehende Widerstandsgruppe schmuggelte den Brief aus dem Lager und sorgte dafür dass der Brief die Familie in Steinheim erreichte.
Den letzten Brief schrieb Arthur Mayer mit der linken Hand, weil seine Rechte verletzt war. Diese Verletzung und die damit vermutlich bedingte, nicht vollständige Arbeitstauglichkeit, könnte für Arthur Mayer das Todesurteil bedeutet haben.
Im April 1944 erreichte die Familie in Steinheim eine lapidare Nachricht aus dem Lager Auschwitz-Birkenau:
„Ihr Ehemann Arthur Israel Mayer ist am 6 März 1944 an Folgen von Darmkatarrh bei Körperschwäche verstorben“.
Was geschehen war, sollte Sein Sohn Leo Mayer erst Jahrzehnte später herausbekommen…

Stolperstein für Arthur Mayer

Stolperstein für Arthur Mayer

Erstellt am 08.11.2015